Die folgende Geschichte ist eine Geschichte über mutige Menschen und moderne Zeiten. Und es ist eine Geschichte über die Tragödie der Trägheit. Es ist die Geschichte von 20 Jahre Schweizer Fernsehen. Oder besser gesagt, von 20 Jahre Schweizer Fernsehen wie wir es kennen. Doch beginnen wir vorne. Beginnen wir am 19. August 1990. Bis an diesem Tag sah das Schweizer Fernsehen so aus:

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Das wolkige Erscheinungsbild täuschte. Das Programm war nämlich durch und durch sperrig. Auf eine Sendung für Junge folgte eine Sendung für Alte, die Spät-Tagesschau kam mal um 23 Uhr 10, dann wieder um 21 Uhr 25. Es war ein Programm, das sich an den Strukturen der Macher und weniger an den Bedürfnissen des Publikums orientierte. Auch inhaltlich. Die Tonalität vieler Sendungen war schlimmstenfalls Oberlehrerhaft, bestenfalls anbiedernd und viel zu häufig schlicht einschläfernd. Doch dann kam der 20. August 1990. Und plötzlich sah alles anders aus:

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Der damals neue TV-Direktor Peter Schellenberg hatte es gewagt, das Programm von Grund auf zu erneuern. Die Sendungen wurden nicht nur inhaltlich und optisch aufgeputzt – es gab auch die grösste Flut an neuen Sendungen, die je auf einmal ins Programm genommen wurden. So etwa ein Sporthintergrundmagazin („Time out“), das Gesundheitsmagazin „Puls“ oder das damals als „Tagesmagazin“ deklarierte „10 vor 10“. Die Sendung war das augenfälligste und am meisten diskutierte Element der „Programmreform 90“. Und sie hatte mit dem heutigen „10 vor 10“ wenig zu tun. Ist „10 vor 10“ heute mehr oder weniger eine Spätausgabe der Tagesschau, war die Sendung 1990 schlicht der Dreh- und Angelpunkt im Programm: Sie lancierte Themen, deckte auf und sorgte immer wieder mal für Skandale. Kurz – um 21.50 Uhr wurde diktiert, was am nächsten Tag zu reden gab. Und „10 vor 10“ gab auch zeitlich den Takt vor. Denn das war ebenfalls neu: Die Sendungen begannen um 20, 21, 21.50 und 22.20 Uhr. Die zeitliche Beliebigkeit flog aus dem Programm. Auch wurde nun darauf geachtet, das aufeinanderfolgende Sendungen ein ähnliches Publikum ansprachen. Heute ist das bei allen Stationen üblich – 1990 aber war das selbst bei den Privaten noch die Ausnahme.

Ohne Zweifel: Das Schweizer Fernsehen war damals ein Pionier. Und heute? Peter Schellenberg ist weg. Seine Nachfolgerin auch schon. Ihr Interimsnachfolger wiederum geht bald. Und der neue Fernseh-Chef Rudolf Matter  kommt erst. Im Programm weht immer noch der Geist von 1990 und bis heute ruhen sich zahlreiche SF-Spitzenleute bequem darauf aus. Fundamental verändert hat sich seither nämlich nur das Vorabendprogramm mit „5 gegen 5“ und „Glanz und Gloria“, sowie der Freitagabend mit „SF bi de Lüt“. Der Rest wurde bestenfalls marginal angepasst. So ging „MTW“, es kam „Einstein“ – der Inhalt aber blieb. Oder „Puls“: Regelmässig wurde das Studio totalrenoviert, inhaltlich gabs aber bestenfalls Retouchen. Stillstand auch um 10 vor 10: Die Sendung ist heute so verlässlich wie das Abstimmungsbüchlein. Aber leider auch ähnlich kreativ. 

An Matter wird es sein, eine neue Reform einzuleiten. Das ist eine undankbare Aufgabe. Denn Reformer erhalten selten Applaus zum Zeitpunkt der Revolution. Erst die Geschichte zollt ihnen Respekt. So war das auch bei Peter Schellenberg. 1990 war er das Prügelkind von Publikum und Presse – doch von seiner damaligen Arbeit zert das Fernsehen bis heute. Denn so ist das bei jeder Revolte in den Medien: Wer was tut, verliert zuerst, um nachher langsam zu gewinnen. Wer nichts tut, gewinnt nichts, verliert aber dafür nur langsam. Kurzfristig gedacht ist es also besser, nichts zu tun.

Doch irgendwann lassen sich Probleme nicht mehr verschieben, wie ein simples Beispiel zeigt: Als vor fünf Jahren Gabriela Amgarten neue Unterhaltungschefin des Schweizer Fernsehens wurde, fragte ich sie, wie es denn mit „Benissimo“ – Jahrgang 1992 – weiterginge. Sie meinte darauf leicht genervt: „Die Sendung hat nur bei den Journalisten den Zenit überschritten“ und verwies stolz auf eine Million Zuschauer. Heute ist es noch die Hälfte.