Da wird man angestossen haben in der Chefetage der SRG: Jetzt steht fest: Alkoholwerbung wird in der Schweiz auch am Fernsehen zugelassen. Ab 1. Dezember dürfen alle Sender für Bier und Wein werben. Die beiden Parlamentskammern haben sich in einer Aussprache (”Einigungskonferenz”) darauf geeinigt. Der grösste Profiteur dieser Liberalisierung ist zweifellos die SRG. Für sie kommen die Millionen gerade im richtigen Moment – läuft doch gerade ein umfassendes Sparprogramm an. Andererseits droht jetzt ein anderes Vorhaben zu scheitern. Die SRG dürstets nämlich schon länger nach noch mehr: Sie hatte im Frühling nach mehr Werbefreiheit gerufen, um ihre Finanzlöcher zu stopfen. Der Bundesrat ist dieser Idee gefolgt und prüft derzeit und noch bis Ende Oktober eine Lockerung der Werbefesseln. So soll es beispielsweise möglich werden, auch kürzere Sendungen wie “Einer gegen 100″ oder “Kassensturz” durch Werbung zu unterbrechen. Ausserdem möchte er die Werbezeit beinahe verdoppeln. Da nun aber mit der Alkoholwerbung bereits eine neue Einnahmequelle erschlossen werden kann, könnte das als Argument gegen weitere Lockerungen vorgebracht werden.
Archives for September, 2009
O zapft is: Bei SF sprudeln jetzt die Bier-Millionen
Das Vierte: So jung und doch so retro
“Be Happy” sagt “Das Vierte” seit letztem Sonntag über sein Programm. Doch seit am Sonntag die ersten Quoten eintrafen, wissen wir: Der Spruch triffts nicht ganz. “Be depressive” hätte wohl besser gepasst. Denn der Relaunch war ein veritabler Flop, die Zuschauerzahlen tendieren gegen Null. Dabei hatte der neue Besitzer Dimitri Lesnewski so viel vor. Als er den Kanal vor einem Jahr übernahm, wollte er ihn zu einem Vollprogramm ausbauen, plante Shows, schickte Serien in Auftrag und dachte sogar über spektakuläre Realityshows nach. Geblieben von den Ideen des russischen Medienmachers ist gerade mal eine tägliche Reisesendung und ein tägliches Modemagazin. Und auch sonst scheint sich die frisch eingesetzte Senderchefin Elena Fedorova sehr stark an derzeit in Russland erfolgreichen Konzepten bedient zu haben. Neben Mode und Reisen bestreiten Geisterjäger und Teenieserien das Programm – alles Themengebiete, die aber hierzulande schon in den 90ern die Raster der Privatsender füllten und heute kaum noch jemand freiwillig zum Wechseln des Programms animieren können. Oder anders gesagt: “Das Vierte” hätte alle Zutaten zu einem wahren Erfolgsrezept. Für 1995.
Teleclub Sport: Kabler wollen mehr Kanäle
Teleclub – das stand einst für “Der Kinokanal”. Doch heute, in seinem 28. Betriebsjahr, bietet der Schweizer Pay-TV-Anbieter ein erwachsenes Rundumprogramm. Besonders attraktiv: Das Sportprogramm mit nationalen und internationalen Highlights. Die teilweise zeitintensiven Übertragungen werden im Kabel auf drei Kanäle gequetscht – was es immer häufiger unmöglich macht, wirklich alle Events live zu zeigen. Nicht so bei BluewinTV, da stehen Teleclub nämlich derzeit 21 Kanäle zur Verfügung – gar 24 sollen es bald werden. Das gibt den Programmplanern mehr Flexibilität und bietet den Zuschauern mehr Live-Übertragungen, vor allem bei internationalen Begegnungen. Diesen Wettbewerbsvorteil will nun Cablecom nicht mehr Konkurrent Swisscom überlassen. “Wir wollen auch das ganze Sportangebot von Teleclub zeigen können”, erklärte der neue Cablecom-CEO Eric Tveter. Cablecom sucht nun das Gespräch, um zusätzliche Programme über Kabel verbreiten zu können. Swisscom, Betreiberin von BluewinTV und Aktionärin von Teleclub, will die Verhandlungen nicht kommentieren. Sprecher Olaf Schulze erklärt nur ganz allgemein, dass sich BluewinTV natürlich durch exklusive Inhalte differenziere.
Die Forderung der Cablecom bringt Teleclub in eine Zwickmühle: Gibt Teleclub sein komplettes Sportangebot für alle Kabler frei, verliert Aktionärin Swisscom einen der wichtigsten Exklusiv-Inhalte. Inhalte notabene, den sie durch ihre Beteiligung an Teleclub massgeblich mitfinanziert hat.
Cablecom: Neue Codierung kommt vor Weihnachten
Jetzt ist klar – gratis gibts Cablecom spätestens ab Weihnachten nicht mehr. Das Unternehmen bestätigt gegenüber Mattschiibe.ch: Cablecom führt die zweite Stufe der Nagra-Verschlüsselung schrittweise ein. Bis Ende Jahr soll die veraltete und geknackte Nagra-1-Codierung Netz für Netz ausser Betrieb gesetzt werden. Mattscheibe herrscht nach der Umstellung aber nicht nur für Piraten – auch veraltete Set-Top-Boxen der Hersteller Nokia und Visionetics aus dem Jahre 1999 können das neue System nicht entschlüsseln. Besitzer dieser museumsreifen Geräte müssen ihre Box gegen ein neueres Modell eintauschen.
SF schliesst Pakt mit Cablecom: Jetzt kommt das “Alles-und-jederzeit-TV”
Den neusten Kassensturz oder die aktuelle Tagesschau immer und jederzeit auf Knopfdruck – das ist “Catch-Up-TV”. Was im Internet schon lange möglich ist, kommt nun auch aufs TV-Gerät. Gemeinsam mit dem Schweizer Fernsehen will die Cablecom dieses Angebot einführen. Bis Ende Jahr soll es laufen, verspricht Cablecom-CEO Eric Tveter gegenüber “Mattschiibe”. Mit dem Fernsehen auf Abruf können die meisten SF-Sendungen während mehreren Tagen auf Knopfdruck abgerufen werden – später will Cablecom auch Sendungen auf Abruf von anderen Stationen anbieten.
Einstein allein zu Hause: Kaum einer will zusehen
Der Start in eine neue TV-Saison ist für die Macher jeweils besonders interessant. Er zeigt nämlich, welche Sendungen auf Anhieb wieder Zuschauer finden und welche gar nicht gross vermisst wurden. Die erste Bilanz: Der “Kassensturz” wurde offenbar am meisten vermisst, er erreichte auf Anhieb 40% Marktanteil. “Deal or no Deal”, “Einer gegen 100″ oder die “Rundschau” erreichten rund 30% Marktanteil – da darf ebenfalls gefeiert werden. Kurz zur Erklärung: Der Marktanteil zeigt, wieviel Prozent aller Zuschauer, die an diesem Abend vor dem Fernseher sassen, eine bestimmte Sendung sahen. Dieser Wert ist massgebend, da er von äusseren Faktoren wie dem Wetter nicht beeinflusst wird.
Am liebsten in die ewige Sommerpause geschickt hätten die Zuschauer hingegen das Wissensmagazin “Einstein”. Gerade mal 22% hatten Lust auf sprödes Forscherfernsehen. Eine fataler Wert für die Nachfolgesendung von “MTW”. Kein Wunder: Im Vergleich zu modernen Wissensshows wie “Galileo” oder “Welt der Wunder” fällt die Sendung massiv ab. Sie konzentriert sich auf das grosse Ganze, statt auf interessante Details, stellt Forscher statt Funktionen in den Vordergrund und scheint überdies ganz zu vergessen, dass das Fernsehen ein Bildmedium ist. Und kein gedrucktes Magazin für wissenschaftliche Studenten. Das spannendste an der neuen Staffel “Einstein” dürfte darum die Frage sein, wie lange der neue TV-Chef Ueli Haldimann diese Sendung noch sehen will.
Codierung aufgehoben: Solothurn sieht klar
Am 9. September passiert in Solothurn etwas, das eigentlich gar nicht passieren dürfte: Die “Gemeinschaftsantenne Weissenstein”, der lokale Kabelanbieter, hebt im digitalen Fernsehen die Verschlüsselung auf. Auf einen Schlag werden Besitzer von Fernsehern mit eingebautem digitalen Kabelempfänger das digitale Grundangebot empfangen können. Und ab diesem Zeitpunkt ist es möglich, mit jeder beliebigen Set-Top-Box das digitale Angebot zu nutzen. Damit setzt Solothurn in die Tat um, was die Politik ohnehin bald für alle Netze verfügen will – und was laut jahrelanger Beteuerung der Kabelbranche eigentlich zu massiven technischen Problemen führen sollte, da angeblich “internationale Standards” fehlen.
Das ist natürlich Quatsch. Das digitale Fernsehen an sich ist seit über einem Jahrzehnt standardisiert. Einzig für die Nutzung spezieller Dienste, wie etwa Filme auf Abruf, gibt es keine und wird es wohl auch nie internationale Standards geben. Und so geniessen die Solothurner ab dem 9.9. primär die Vorteile: ein einfacherer Empfang und weniger Störungen – da jede Codierung die Störungsanfälligkeit des Signals erhöht. Schwierigkeiten wird es höchstens bei Neukunden geben, die ein Pay-TV freischalten lassen möchten. Sie müssen unter Umständen zuerst ein Zusatzmodul, ein sogenanntes CI-Modul und eine Smartcard für ihre Box oder ihren Fernseher kaufen. Bislang mussten das alle Kunden, auch die, die nur das im Grundpreis inbegriffene Angebot nutzen wollten.
Aufgelegt: Kein Call-In-TV auf 3+
Offenbar wegen Streitigkeiten mit der Produktionsfirma hat der Schweizer Privatsender 3+ am 1. September überraschend sämtliche Call-In-Shows aus dem Programm genommen. Stattdessen werden Wiederholungen von regulären Sendungen gezeigt. Das Problem stellte sich pünktlich zum dritten Geburtstag: 3+ ging am 31. August 2006 auf Sendung – und noch nie war das Tagesprogramm so abwechslungsreich wie am ersten Tag seines vierten Lebensjahres. Derzeit sucht der Sender offenbar nach einer Lösung – zum Gespräch stehen soll unter anderem eine Zusammenarbeit mit dem deutschen Anrufsender 9Live. Call-In-TV wird der Schweiz also weiterhin erhalten bleiben. Rufen Sie nicht an!
HD kommt: Lasst Analog-TV endlich sterben
Die SRG gibt Vollgas für Superscharf: Ab 2012 will sie ihre TV-Sender, also auch SF1 und SF zwei, vollständig in HDTV ausstrahlen. Damit überholt sie die in Sachen HDTV zaudernden und zögernden deutschen Sender links – und beschert der Schweiz einen technologischen Quantensprung. Bereits heute ist jedes zweite in der Schweiz eingesetzte TV-Gerät HDTV-tauglich, bis zum HDTV-Vollstart 2012 dürften es gar drei von vier sein. Doch es gibt ein ganz grosses Problem: HDTV braucht Bandbreite. Und die wird in den Kabelnetzen immer noch durch eine sterbende und längst überholte Technologie besetzt: Dem analogen Fernsehen. Schlecht informierte Politiker haben dafür gesorgt, dass Analog-TV als Heilsbringer gegen angeblich teures Digitalfernsehen am Leben erhalten wird. Oder besser gesagt: Werden muss.
Eine fatale und teure Entwicklung. Denn notwendig ist die seit sechzig Jahren eingesetzte Technologie längst nicht mehr. Das zeigt schon die Geschichte beim Antennenfernsehen. Dort setzte die SRG durch, dass innert weniger Monaten die analoge Technik vollständig durch das digitale Signal abgelöst wurde. Das wäre auch im Kabel möglich. Denn viele Fernseher sind inzwischen in der Lage, Digital-TV ohne Set-Top-Box zu empfangen. Und auch für alle anderen wäre bei einer Massenumstellung die Investition kaum teurer als 50 Franken pro Gerät. Doch weil man mit dieser Forderung weder Sympathien noch Wahlen gewinnt, dürfte auch 2012 das rauschende Analogsignal noch auf Sendung sein. Die Folge: die SRG-Sender werden zwar Platz haben im Kabel, aber kaum weitere HDTV-Kanäle. Darin zeigt sich die Absurdität der derzeitigen Lage – die Schweizer haben wie kaum ein anderen Land ihre Wohnzimmer gefüllt mit neuen Flachbildfernsehern. Doch nun verhindern sie selbst, die Vorteile der neuen Geräte auch nutzen zu können.
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