Es geht um eine grundsätzliche Entscheidung. Bei der Nachfolge der abtretenden SF-Chefin Ingrid Deltenre wird sich entscheiden, welchen Weg das Schweizer Fernsehen künftig gehen will. Zwei mögliche Kandidaten: Urs Leutert, derzeit SF-Sportchef und Christoph Bürge, abtretender Unterhaltungschef von Sat.1. Zwei völlig gegensätzliche Kandidaten die für zwei völlig unterschiedliche Zukunftsperspektiven stehen. Leutert für eine Weiterverwaltung, Bürge für radikale Reformen.

leutertUrs Leutert verbrachte sein ganzes bisheriges Berufsleben bei der SRG. Ab 1978 bei Radio DRS, seit 1991 beim Schweizer Fernsehen. Der studierte Germanist gilt als absoluter Kopfmensch. Dies zeigte sich auch bei der Sportberichterstattung, die ihm heute untersteht. „Sport ist keine Unterhaltung“ trichterte er bereits mehrmals seinem Team ein und sträubt sich bis heute gegen eine leichtfüssigere, modernere Präsentation. Denn das widerstrebt ihm, auch wenn selbst die ARD inzwischen beim Sport lockerere Töne als SF anschlägt. Aber so ist Leutert: Akribisch verwaltet er seinen Bereich und liefert zweifellos qualitativ gute Produkte: Gefühle, Farben, frische Ideen – nein, das hingegen ist nicht sein Ding. Als neuer SF-Direktor wäre er ein Verwalter. Reformen dürfte man von ihm nicht erwarten. Dafür ein faires Teamplay und eine offene Kommunikation. Denn auch das ist Leutert: Gradlinig, ehrlich, korrekt.

christoph buerge[1]Christoph Bürge hat eine turbulente Vita. 1999 katapultierte ihn Jürg Wildberger auf den Programmchefsessel bei TV3. Von dort gings zu mehreren Stationen in Osteuropa, wo er teilweise von grund auf neue Sender konzipierte. Sein letzter Halt war Berlin, wo er die Unterhaltung von Sat.1 verantwortete. Doch als Sat.1 beschloss nach Unterföhring bei München zu ziehen, reichte es Bürge. Er befürchtete noch mehr Kontrolle durch die unsicheren Hauptaktionäre, zwei Finanzinvestoren, und kündigte. In diesen Tagen gibt er den Schlüssel ab. Das SF-Direktorium wäre für ihn eine Rückkehr in durchaus vertraute Hallen. Denn bereits vor seiner Zeit bei TV3 war er tätig in der Unterhaltungsabteilung von SF und 2004 holte ihn Ingrid Deltenre als Programmentwickler. Bürge blieb jedoch nur ein paar Monate. Zuviele seiner Ideen und Konzepte waren in Schubladen verschwunden, wurden intern torpediert und in endlosen Sitzungen zerredet. Denn das mag Bürge gar nicht: Er ist ein Macher, kein Mann der grossen Worte. Dafür blitzschnell in der Analyse und hochkreativ. Unter ihm würde SF wohl einen ähnlichen Energieschub erhalten, wie seinerzeit beim Antritt von Peter Schellenberg. Das ginge nicht ohne Nebengeräusche ab – denn Garantien und Sicherheiten gibt Bürge grundsätzlich nie ab. Das dürfte viele gestandene Mitarbeiter verunsichern. Dafür erhielten sie im Gegenzug das, wofür Bürge vor allem steht: Motivation, Kreativität, Visionen.

Gibts also einen Nachfolger oder nur einen Verwalter? Die Antwort könnte auch beides sein: Zuerst einen Verwalter, dann einen Nachfolger. Denn in ein bis zwei Jahren sollen die Direktionen von Radio und Fernsehen zusammengelegt werden. Möglich also, das Leutert übergangsmässig verwalten darf und Bürge danach zum Nachfolger gekrönt wird.